Vor 25 Jahren fuhr der letzte Eisenbahnzug vom Klaustor

Bahnhof erschloß den Zugang zur Saline
und zum Sophienhafen in der Mansfelder Straße

Quelle: Siegfried Schroeder in: MZ vom 4.11.1993


Wer heute das Kaufhaus "Karstadt" besucht, hätte an eben dieser Stelle vor 25 Jahren den "Bahnhof Halle (S.)- Klaustor" betreten, um den Zug in Richtung Nietleben, Heide-Dölau-Lieskau-Salzmünde-Süd, Schochwitz-Schwittersdorf-Gerbstedt-Hettstedt zu besteigen. Im Jahre 1968 stellte die letzte Kleinbahn des Saalkreises hier ihren Betrieb ein: Am 29. Februar 1968 dampfte der letzte Personenzug vom Bahnhof Halle-Klaustor nach Hettstedt. Das Ende der "Halle-Hettstedter-Eisenbahn" (HHE) war gekommen. Der Aufbau von Halle-Neustadt forderte auch hier seinen Tribut. Neue Straßen und Brücken wurden gebaut, da war zwischen den Bahnhöfen Klaustor und Nietleben kein Platz mehr für romantische Kleinbahnfahrten in die Dölauer Heide. Ab 1. März 1968 fuhr dann statt der Züge Schienenersatzverkehr mit Omnibussen. Gemäß einer amtlichen Mitteilung der Reichsbahndirektion Halle vom 9. März 1968 sollte ab Oktober 1969 der Personenverkehr vom Hauptbahnhof über Halle-Neustadt bis Salzmünde-Süd wieder aufgenommen werden, doch dazu ist es nie wieder gekommen. Den Verkehr bis Halle-Dölau übernahmen dann die Omnibusse der VE Verkehrsbetriebe Halle

Die Halle-Hettstedter-Eisenbahn AG, eine Strecke der Firma Lenz & Co, Berlin, erlebte ihr 100jähriges Bestehen nicht mehr, auch wenn sie seit 1949 durch die Deutsche Reichsbahn betrieben wurde. Der Güterverkehr verblieb noch bis 1989 auf den Reststrecken wie Bahnhof Turmstraße, Hettstedter Güterbahnhof am Holzplatz (Gasanstalt) oder über Halle-Neustadt bis Schochwitz und ab Heiligental bis Hettstedt. Zwischen Schochwitz und Heiligental wurden bald nach 1968 die Gleise abgebaut. Von der 45 Kilometer langen Strecke zwischen Halle-Klaustor und Hettstedt verliefen nur acht Kilometer im damaligen Saalkreis, der größte Teil durchfuhr den Mansfelder See- bzw. Gebirgskreis.

So jedenfalls war die Situation, als der Bahnbau begann. Industrie und Landwirtschaft in dem von der Bahn durchfahrenen hochentwickelten Landstrich hatten schon lange versucht, den Bahnbau durchzusetzen. So beschloß schließlich der Kreistag des Saalkreises am 13. April 1894, sich am Bahnbau mit Aktien im Werte von 5000 Reichsmark zu beteiligen, um die damaligen Gemeinden Nietleben, Dölau und Lieskau an das Bahnnetz anzuschließen. Damit wurde es auch möglich, die Bahn bis nach Halle zu führen, denn der Bahnhof Klaustor, damals noch der "Hettstedter Bahnhof" genannt, erschloß den Zugang zur Saline, zum damals bedeutungsvollen "Sophienhafen" in der Mansfelder Straße/Hafenstraße. Eine Verbindungsstraße für den Güterverkehr wurde in Richtung Halle zum Thüringer- bzw. Hauptbahnhof gebaut. Hier entstanden zahlreiche Gleisanschlüsse für die Gasanstalt, die Brauerei am Böllberger Weg, die Hildebrandtschen Mühlenwerke in Böllberg, die Mühle und die Brotfabrik der Gebrüder Schubert an der Merseburger Straße, um nur einige zu nennen. Am Tarif- und Übergabebahnhof "Turmstraße" fanden die Übergaben bzw. Übernahmen der Güterwaggons zwischen der Halle-Hettstedter-Eisenbahn und der damals noch "Königlich-preußisch-hessischen Staatseisenbahnen (später Deutsche Reichsbahn) statt.

Diese Strecke war als "Hafenbahn" bezeichnet und überquerte ab Turmstraße die Beesener Straße, Straße der Republik, Max-Lademann-Straße und den Böllberger Weg. Was war dieser Bahnbau doch für ein Fortschritt gegenüber der ersten Gedanken hallescher Stadtväter und Handelsleute im 19. Jahrhundert, die vom Sophienhafen bis zur Staatsbahn quer durch die Stadt eine Pferdeeisenbahn für den Gütertransport bauen wollten! Später befuhr dann diese gedachte Trasse die Straßenbahn von Reideburg kommend über die Frankestraße-Franckeplatz-Hallmarkt bis zum Hettstedter Bahnhof. Die Endstelle war in der Hafenstraße. Noch heute kann ein aufmerksamer Betrachter den Gleiswechsel in der Straße erkennen.

Am 22. Mai 1896 nahm die Halle-Hettstedter-Eisenbahn ihren Betrieb auf. Neben einem starken Güterverkehr gab es von Anfang an ein großes Aufkommen an Reisenden, zu denen auch Ausflügler gehörten, die die Dölauer Heide besuchten. Ein alter Fahrplan aus dem Jahre 1913 weist nach, daß es damals schon auf dieser Strecke einen Fern- und einen Vorortverkehr gab. Täglich fuhren fünf, Sonnabend/Sonntag sechs Zugpaare zwischen Halle und Hettstedt und weitere drei Zugpaare zwischen Halle und Cöllme (später Salzmünde-Süd). Im "Vorortverkehr" Halle-Dölauer Heide wurde werktags zwischen 4.35 und 7.05 Uhr und von 18.00 bis 19.20 Uhr alle 20 Minuten gefahren. In den Zwischenzeiten gab es 40- bis 60-Minuten-Verkehr. Alle Züge führten Wagen der 2. Bis 4. Klasse. Das Bahnhofsgebäude von Nietleben war ein für seine Zeit und für eine Kleinbahn recht ansehnlicher Bau und hatte schon eine Untertunnelverbindung zwischen den Bahnsteigen. Auch die Gleisanlagen waren recht beachtlich. Kohle, Zement, Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben und Düngemittel waren hauptsächlich Transportgüter. Am Ende des zweiten Weltkrieges, im März und April 1945 erlitt auch die "HHE" noch Kriegsschäden durch Beschuß und Fliegerangriffe an den Bahnanlagen. Der Verkehr mußte infolge der Kampfhandlungen gänzlich eingestellt werden. In den "Amtlichen Nachrichten für Halle und den Saalkreis", Nummer 7, vom 7. Juni 1945 erschien im Auftrage der amerikanischen Militärregierung, unterzeichnet von Frank W. Murphy, Capt. M.G.O. Cmdg., eine Veröffentlichung der Reichsbahndirektion Halle über die Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs im Raum Halle/Leipzig. Infolge der Kriegsschäden an den Brückenbauwerken über die Saale in Halle wurde festgelegt, daß die Züge der Halle-Hettstedter-Eisenbahn vorläufig am Lokomotivschuppen in der Mansfelder Straße (jetzt etwas westlich vom Sportlerhaus der Angler) beginnen und enden. Entsprechend sah auch der Fahrplan vom Oktober 1945 aus. Je ein Früh- und Abendzug nach und von Hettstedt, zwei solcher Züge zwischen Halle und Dölauer Heide sowie je ein Zugpaar von Halle bis Fienstedt. Darunter stand der Hinweis, "...daß eine Gewähr, daß die Züge verkehren, nicht übernommen werden kann".

Erst ab 1948 ging es schrittweise wieder aufwärts, und die Zugfolgen wurden dichter. Der letzte Fahrplan von 1968 weist wieder 25 Zugabfertigungen täglich am Bahnhof Halle-Klaustor aus, davon neun Züge nach und von Hettstedt.

Wer heute mit der S-Bahn von Halle-Neustadt in den Bahnhof Halle-Nietleben einfährt und seine Fahrt bis Halle-Dölau fortsetzt, der sollte sich auch jener Zeit erinnern, als es auf diesem Streckenabschnitt noch dampfte und fauchte und die alten Dampfloks mit zwei oder drei Wagen mit offenen Plattformen und einem Gepäckwagen den Zielen im Mansfelder Land zustrebten, manche Steigung mußte überwunden werden, am Berg zwischen Nietleben und Dölau. "...ob sie’s schafft?" fragte sich so mancher Wanderer am Wegesrande und mancher Fahrgast. Dann hörte man den Rädergang "...ich hab’s geschafft."

In drei Jahren hätte sie Geburtstag, die alte HHE. Ob an jenem 22. Mai 1996 noch einmal eine "Oldie-Fahrt" von Nietleben bis Schochwitz zur Erinnerung organisiert werden könnte? Verdient hätte sie es, die alte Bimmelbahn zwischen Saalkreis und Mansfelder Land.